„On the Road“ – SOMMERSCHAU 2016

Lißner_Rainer_Zaha_HadidZaha Hadid  – FOTO: Rainer Lißner

„Aus aktuellem Anlass möchte ich mit einem zweiten Bild beitragen. Für ein Leben, das nicht nur in der Kleidung außergewöhnlich und glitzernd war. Und für einen Ort, den es heute noch wie gestern gibt, dem Feuerwehrhaus der Vitra-Werke in Weil am Rhein. Diesen Ort geschaffen hat Kollegin Zaha Hadid, strahlend ist sie zu sehen bei der Eröffnungsfeier dieses Ortes, verstorben ist sie dieser Tage.“ Rainer Lißner 05.04.2016

SOMMERSCHAU – Eröffnungsrede:

Bereits zum sechsten Mal findet in diesem Jahr eine Sommerschau im Haus der Architekten statt und – nach dem großen Zuspruch im vorigen Jahr – zum wiederholten Mal die Fotoausstellung „On the Road“, inspiriert von Jack Kerouacs gleichnamigem berühmten Roman.

Es war ein Vergnügen, bei der Eröffnung so viele Leute zu sehen, jüngere und reifere Besucher gemischt, ein Querschnitt unseres Berufes – wobei Begrifflichkeiten dieser Art für unseren Beruf eigentlich nicht greifen, sind wir doch alle quasi dazu „verdammt“, jung zu bleiben und gleichzeitig im positiven Sinne reif zu sein. Wie sonst hätten wir unsere Universitätsausbildung erfolgreich durchgestanden, wie sonst wäre es möglich, sich immer wieder aufs Neue zu motivieren, zu begeistern und zu mobilisieren: Architekten-Schicksal eben.

Umso passender ist die Sommerschau, der konzeptuell eine grundlegende Lockerheit innewohnt: (Fast) alles ist erlaubt. Das spielerische Format bietet Möglichkeiten für Spaß und Leichtigkeit an und so soll es sein. Ohne ausgleichende, inspirierende Momente wie diese wäre die Ernsthaftigkeit des Berufes dauerhaft wohl kaum erträglich. Und dennoch, schaut man genauer hin, inkludiert das Thema „Reisen“ neben Leichtigkeit auch gedankliche Tiefe und aktuelle Diskurse. Mehr und mehr wird „On the Road“-Sein zu einem Privileg. Dieses 2016 ist ein Jahr, in dem die Grenzziehungen in der Welt, die Abschottung ganzer Staaten und Landstriche, fortgesetzt wird. Viele der im Rahmen der Sommerschau gezeigten Fotos stammen aus besseren Zeiten.

Eine Inspiration für diese Sommerschau-Ausstellungsreihe gab Jack Kerouacs weltbekannter Roman „On the Road“ (1957). Das Buch ist eine Hymne auf die schöpferische Kraft des Menschen, ein Schlüsseltext, der die freiheitliche Kultur seit Generationen prägt. Das Buch erschien, als die Moderne dominierte. Die Welt erschien damals ziemlich weit und war für „normale“ Leute noch weitgehend unbekannt. Junge Menschen lehnten feste Strukturen ab, wollten improvisieren. Sie bewegten sich collageartig durch das Leben – als Protest gegen das Establishment. Vielleicht vertraten sie damit eine klare Linie gegenüber der gedachten Perfektion eines beispielsweise Mies-van-der-Rohe Seagram-Buildings von 1958? Mit seinem bekannten Four Seasons-Restaurant, welches das korporative großkapitalistische Selbstbewusstsein der USA verkörperte – ebenso wie das Erfolgsmodell „Wiederaufbau BRD“. Damals waren die Strukturen klar und unverrückbar. Der eiserne Vorhang trennte die westliche Welt von unbereisbaren Ländern. Statt „On the Road“ gab es „No Road“ – gesperrte Wege.

Neulich war ich zu Gast bei dem Gedenksymposium für Carlo Weber. Im Rahmen liebevoller Vorträge wurden zahlreiche Fotos aus seiner On-the-Road-Zeit als Lehrender an der TU Dresden eingeblendet. Die Fotos zeigten jemanden, der genau verstanden hatte, wie wichtig das Reisen und der kulturelle Austausch gerade für Studierende sind. Auf mehreren Bildern war Carlo Weber leger gekleidet zu sehen, mit landestypischer Kopfbedeckung, wahrscheinlich wegen der klimatischen Bedingungen – aber wohl auch aus purer Freude am Genius loci. Ein Sinnbild für die Akzeptanz des Anderen, wie sie sich auch im Olympia Stadion in München ausdrückt. Die freie Linie der Behnisch-Weber-Ottos dieser Welt – ja, sie hätten gut als Romanfiguren für Kerouac gepasst.

Teil der Sommerschau-Sammlung ist auch ein Foto von Zaha Hadid, und man fragt sich beim Betrachten, warum dieses Bild so anrührend ist. Es ist ein „gestohlenes“ Foto, aufgenommen aus einem unglücklichen Winkel. Man spürt exakt, wie vorsichtig der Fotograf vorgegangen sein muss, wie er versucht hat, es nicht zu offensichtlich werden zu lassen, dass er Zaha Hadid – ohne sie zu fragen – fotografiert hat. Wie er versucht hat, dennoch ihre Privatsphäre nicht zu verletzen und so eine Erinnerung an diese weltberühmte Architektin einzufangen, deren Name gleichbedeutend mit einer Marke ist. Eine Erinnerung an eine Frau aus dem Iran, die in London und in der ganzen Welt zu Hause war, die viel on the road erlebt hat. Man ist berührt, weil es eben nicht die künstliche Inszeniertheit eines Zeitschriften- oder Promotion-Fotos ausstrahlt, sondern Echtheit besitzt. Der Fotograf war im selben Raum mit Hadid. Die Aufnahme vermittelt die Aura des Alltagsmoments eines Stars als einem ganz einfachen Sterblichen wie wir alle auch. Hadids Architektur muss man nicht einmal mögen, um die Kraft der Aussage, die Freiheit in der Architektur, wahrzunehmen.

Beim Betrachten der fotografischen Reisebeiträge erstaunt, „how strange“, wie überraschend, wie schön, wie heiter unsere Welt sein kann, wie vielfältig,  – und wie vergänglich wir alle sind.

Dieses 2016 ist ein Jahr, in dem die Grenzziehungen in der Welt, die Abschottung ganzer Staaten und Landstriche fortgesetzt wird. Die Verengung nimmt zu. ‚To be or not to be‘ – a part of Europe? Die Zahl der Länder, die nicht mehr bereisbar sind oder es bald nicht mehr sein werden, wächst an. Man stelle sich einen Schnellvorlauf zur Sommerschau 2025 vor – welche Länder werden dann wohl zu sehen sein? Viele der in diesem Jahr gezeigten Fotos kommen aus besseren Zeiten.

Gleichermaßen ist es eine Freude, dass unserer Einladung zur Beteiligung an der Sommerschau wieder 34 Mitglieder und Gäste gefolgt sind – ganz herzlichen Dank an alle Beteiligten! Unser großer Dank gilt zudem der BASEG GmbH aus Chemnitz, mit deren wiederholter Unterstützung alle Druckarbeiten in Form von Bannern und Programmheften realisiert werden konnten.

Die Ausstellung ist in diesem Jahr in der Zeit vom 23. Juni bis zum 21. August im Haus der Architekten in Dresden zu erleben und wandert danach wieder weiter in die Kammerbüros nach Leipzig und Chemnitz.

Der Sommerschau 2016 wünsche ich im Namen der Architektenkammer Sachsen wieder viele interessierte und begeisterte Besucher!

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